Vom Kuhberg in Ulm in die Hosentasche von zwei Milliarden Menschen.
Das ist die Reichweite einer Überzeugung.
Ulm hat Einstein geboren, das höchste Kirchenschiff der Welt gebaut und 1953 eine Schule gegründet, die die Designsprache unserer Zeit geprägt hat. Was auf dem Kuhberg gedacht wurde, steckt heute in zwei Milliarden Bildschirmen — und in der Magvely 50.
DAS GOTIK LOGO
DES MÜNSTERS
161,53 Meter. Grundsteinlegung 1377, Fertigstellung 1890. 513 Jahre hat diese Stadt an einem einzigen Turm gebaut — Bürger, Generation für Generation, ohne zu wissen ob sie den Abschluss noch erleben würden. Für alle, die hier aufgewachsen sind, bleibt er der höchste der Welt. Das hat weniger mit Architektur zu tun als mit dem, was dieser Turm über Haltung sagt.
HOCHSCHULE FÜR GESTALTUNG
IN ULM
1943 wurden Hans und Sophie Scholl in München hingerichtet. Ihre Schwester Inge überlebte und stellte eine Frage, die sie zeitlebens leitete: Wie verhindert man, dass eine Gesellschaft wieder kollektiv versagt? Ihre Antwort lautete: Bildung. Und so legte sie den Grundstein dafür auf dem Kuhberg, einem Hügel am südwestlichen Rand von Ulm.
1953 öffnete die Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm ihre Tore. Max Bill, ihr erster Rektor, hatte am Bauhaus Dessau unter Klee und Kandinsky studiert. Er entwarf das Gebäude selbst: Sichtbeton, präzise Winkel, Steinböden. Ab 1954 lehrte Tomás Maldonado an der HfG und verschob die Koordinaten grundlegend: Design sei keine Kunstdisziplin, sondern eine wissenschaftliche Praxis mit gesellschaftlicher Verantwortung. Wer ein Objekt entwarf, entschied über das Leben anderer.
Ulm war bereits zuvor ein Ort, der visionäre Denker hervorgebracht hatte. Albert Einstein wurde am 14. März 1879 in der Ulmer Bahnhofstraße 20 geboren. 1929 schrieb er an die Ulmer Abendpost: „Die Stadt der Geburt hängt dem Leben als etwas ebenso Einzigartiges an wie die Herkunft von der leiblichen Mutter.“ Die HfG war der erneute Beweis dafür, dass dieser Ort Menschen hervorbringt, die die Welt mit anderen Augen sehen.
Gutes Design ist langlebig. Es vermeidet Trends und wirkt daher nie altmodisch. Im Gegensatz zu Trenddesigns, überdauert es die Jahre auch in der heutigen Wegwerfgesellschaft.
Prinzip 7 — Gutes Design ist langlebig.
HANS GUGELOT UND
DIETER RAMS
Hans Gugelot lehrte an der HfG Ulm und arbeitete gleichzeitig mit Braun in Frankfurt zusammen. Erwin und Artur Braun, die das Unternehmen 1951 von ihrem Vater übernommen hatten, suchten nach einer neuen Designsprache. Gugelot wurde zur Brücke zwischen dem Ulmer Kuhberg und der Frankfurter Fabrikhalle: Er transferierte das Systemdenken der Hochschule direkt in die industrielle Produktion.
1955 stieß der erst 23-jährige Dieter Rams – ein ausgebildeter Innenarchitekt aus Wiesbaden – als Angestellter zu Braun. Seine ersten Aufgaben waren Entwürfe für Messestände und Showrooms. In Gugelot fand er jedoch einen Mentor, der dieselbe gestalterische Sprache sprach. Bereits ein Jahr später, 1956, entstand aus dieser Synergie der SK 4.
Dieses Radio-Plattenspieler-Kombigerät besaß eine Haube aus Acrylglas: durchsichtig, industriell, kompromisslos. Die Ingenieure im Werk zweifelten – die Passgenauigkeit des Materials galt als heikel, die Form als zu ungewohnt. Doch Gugelot und Rams beharrten auf ihrem Entwurf. Als das Gerät auf der Messe präsentiert wurde, taufte es die Öffentlichkeit prompt „Schneewittchensarg“. Es war ein gläserner Sarg, der nichts verbarg. Das Objekt zeigte offen, was in seinem Inneren arbeitete. Wer auf den Deckel schaute, sah die Mechanik.
1961 übernahm Rams die Leitung der Designabteilung bei Braun. Was folgte, war ein singuläres Projekt: Jedes Produkt trug dieselbe Überzeugung weiter. Der T 3 (1958) – ein Taschenradio, weiß, mit einem runden Abstimmrad an der Seite und Proportionen, die 43 Jahre später in Cupertino wieder auftauchen sollten. Der T 1000 (1963) – ein professionelles Weltempfänger-Radio, schwarz, mit präzisen Skalen für Journalisten. Ein Gerät, das durch seine Form signalisiert: Hier wird gearbeitet.
Der ET 66 (1987) – ein Taschenrechner, entworfen gemeinsam mit Dietrich Lubs. Graue Zifferntasten, schwarze Funktionstasten und eine einzelne orangefarbene Taste für das Ergebnis. Ein Farbsystem, das Hierarchie kommuniziert, ohne ein Wort zu sprechen. Apple übernahm dieses exakte Farb- und Tastenraster 14 Jahre später für die Rechner-App des ersten iPhones – und behielt es über Jahre hinweg bei.
Gugelot starb 1965 mit nur 45 Jahren – viel zu früh, sein Werk blieb unvollendet. Rams führte fort, was beide gemeinsam begonnen hatten. Er formulierte in diesen Jahren seine „Zehn Thesen für gutes Design“ – als Gegengewicht zu einer lauter werdenden Designbranche. Das zehnte Prinzip wurde sein bekanntester Leitsatz: „Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.“
DAS PRINZIP GUGELOT
IN DER MAGVELY 50
Gugelot lehrte in Ulm, dass Systemdesign bedeutet, Funktion und Form so konsequent zu durchdenken, dass ein Objekt entsteht, das sich selbst erklärt. Rams übersetzte diesen Ansatz in ein Prinzip, das heute als globaler Standard gilt. Der Magno-Schulterriemen der Magvely 50 ist genau das: eine Lösung, die so offensichtlich erscheint, dass man sich fragt, warum es sie nicht schon immer gab.
Die Ästhetik eines Produkts ist ein integraler Aspekt seiner Brauchbarkeit, denn Produkte, die wir jeden Tag nutzen, beeinflusse unsere Persönlichkeit und unser Wohlbefinden. Aber nur was gut gemacht ist, kann auch schön sein.
Prinzip 3 — Gutes Design ist ästhetisch.
VOM T3 ZUM IPOD
WIE ULM IN JEDEN BILDSCHIRM WANDERTE
Jonathan Ive wurde 1967 in London geboren. Als Designchef bei Apple stellte er Braun-Produkte auf seinen Schreibtisch – als Referenz, als Maßstab. In Gary Hustwits Dokumentarfilm Rams (2018) bestätigte er die Verbindung öffentlich: Rams’ Arbeit habe gezeigt, dass ein Objekt auf alles verzichten kann, was von ihm selbst ablenkt; dass Zurückhaltung eine Form von Respekt gegenüber dem Benutzer ist.
2001 erschien der iPod. Wer ihn neben den Braun T 3 von 1958 legt – dasselbe weiße Gehäuse, dasselbe runde Bedienelement, dieselbe Lochgitter-Textur, dieselben Proportionen –, versteht, warum diese Verbindung in keinem Designstudium mehr hinterfragt wird. Der Abstand zwischen beiden Objekten: 43 Jahre und ein Ozean. Die Formensprache: identisch.
Der ET 66 lieferte das Farbsystem der iOS-Taschenrechner-App: graue Zifferntasten, schwarze Funktionstasten und die eine, markante orangefarbene Ergebnistaste. Dieses Layout blieb in jedem iPhone von 2007 bis 2023 erhalten. Sechzehn Jahre, zwei Milliarden Geräte – eine Überzeugung, die 1953 in Sichtbeton auf einem Hügel in Ulm gegossen wurde.